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Die guten Seiten von Pete Doherty

ENGLISCHE FUSSBALL-FANZINES

"Schade, was aus dem geworden ist" - das sagt ein Fanzine-Macher aus England über Pete Doherty. Der Skandalsänger wollte einst Sportreporter werden und bewarb sich bei dem Fanmagazin seines Lieblingsclubs. Inzwischen geht es der gesamten Branche schlecht.

Hier ist eine Anekdote, die wohl leider nie ihren Platz auf den Klatschseiten der großen Boulevardblätter finden wird: Bevor Pete Doherty, der Sänger der englischen Band Babyshambles und Ex-Freund von Kate Moss, ein Rockstar wurde, plante er eine Karriere als Sportjournalist. Der 14-jährige Pete, glühender Fan der Queens Park Rangers, schickte ein paar Texte an Dave Thomas, den Redakteur der Stadionzeitschrift "A Kick Up the Rs" ("Rs" für "Rangers" oder den Allerwertesten). "Der konnte schreiben, der Junge!", sagt Thomas heute. Und: "Schade, was aus dem geworden ist."

"A Kick Up the Rs" ist eines der ältesten Fanzines in der englischen Liga und Beleg für eine wunderbare englische Tradition. 1985 stellte Thomas seine erste Ausgabe her: Ein Sammelsurium mit Cartoons, schwer subjektiven Spielberichten (Thomas nannte sie "Perspektiven"), und investigativen Ermittlungen in die dubiosen Geschäfte der Vereinsführung.

Einen Computer hatte er nicht, zur Herstellung reichten Schreibmaschine und Fotokopierer. Verkauft wurde per Hand: Drei Stunden vor Anpfiff baute Thomas seinen Stand vor der Haupttribüne auf, während der Halbzeit tingelte er von einem Block zum anderen. Aus dem Hobby wurde schnell ein Vollzeitjob: Seit Mitte der Neunziger wird "A Kick" in Farbe gedruckt, in der vergangenen Saison wurde es zum "Championship Fanzine of the Season" gekürt. "Aus kleinen Babys werden oft große Monster", sagt Thomas.

Gute Schriftsteller waren bei den Zines immer begehrt. Den Fanzine-Pionieren ging es darum, den Fans aus dem Club ein respektables Sprachrohr mit einer authentischen Stimme zu verpassen: Lockerer als die Journalisten im Radio, kritischer als die Texte in den Spielprogrammen und intelligenter, als es die fußballkritische Öffentlichkeit der achtziger Jahre für möglich hielt.

Die Namen der Zines waren oft poetisch ("Fly Me to the Moon" / "Flieg mich zum Mond” – Middlesbrough), manchmal sentimental ("When Skies Are Grey" / "Ist der Himmel auch grau" – FC Everton), oft kryptisch ("Tomato Soup and Lentils" / "Tomatensuppe und Linsen” – Leeds United and Arbroath) meistens aber einfach nur angenehm albern: "Liverpool Are On the Telly Again" ("Schon wieder Liverpool im Fernsehen" – Norwich City) oder "Four Beats to the Baah" ("Mähen im Viervierteltakt" – Tamworth FC, genannt "Die Lämmer”). Auch Doherty gründete kurzfristig seine eigene Zeitschrift – mindestens der Name war titelreif: "All Quiet on the Western Avenue" (frei nach Erich Maria Remarque: "An der Western Avenue nichts Neues").

Als Vorbild diente die Musikpresse: Im besonderen die Do-It-Yourself Heftchen der Punkszene, wie etwa "Sniffin' Glue" ("Klebstoff schnüffeln"). Ohnehin ist die Beziehung zwischen Pop und Fußball in England traditionell sehr eng - nicht nur wegen Doherty. So bezieht sich der Titel des Tottenham-Fanzines "My Eyes Have Seen the Glory" auf den Smiths-Song "These Things Take Time".

Auch das berühmteste Football-Zine entstand in einem Plattenladen: 1985 arbeiteten Andy Lyons und Mike Ticher, damals Mitte zwanzig, in "Our Price" in Kensington, als ihnen die Idee kam, dass man vielleicht auf ähnlich originelle Weise über ein Fußballspiel schreiben könnte, wie die Musikfans es über ein Konzert taten. Das Resultat: "When Saturday Comes", eine vereinsübergreifende Zeitschrift für den englischen Fan, die auch heutzutage noch die innovativste Berichterstattung Großbritanniens liefert.

Wie lange die Fanzine-Tradition noch Teil der englischen Fußballlandschaft sein wird, ist fraglich. In der Mitte des Zine-Booms der Achtziger druckte "When Saturday Comes" eine vollständige Liste der Zeitschriften in den unteren und oberen Ligen – "mindestens 300", schätzt Chefredakteur Andy Lyons. Mitte der Neunziger fing die Liste an zu schrumpfen: Vor ein paar Jahren wurde sie komplett eingestellt.

Man wolle "sich um eine jüngere Leserschaft unter den Fans bemühen", sagt Lyons, aber er klingt dabei weder enthusiastisch noch besonders überzeugt. "Die sind halt anders als wir: eher Konsumenten als Fans."

Dave Woodhall, seit 1989 Chefredakteur von Aston-Villa-Zine "Heroes and Villains" ("Helden und Halunken"), sagt: "Unsere Zeitschriften waren eine Motivation gegen alles, was damals im Fußball falsch lief. Wir waren gegen Hooligans, aber auch gegen die drakonischen Maßnahmen der Vereinsführung. Und gegen Margaret Thatcher sowieso."

Heute, sagt Woodhall, versteht er sich blendend mit den Fanbeauftragten des Clubs. "Es gibt keine großen Schlachten mehr zu gewinnen – wir und der Verein kämpfen auf einer Seite." Was sich nur bedingt als ein Vorteil entpuppt: Seit Ende der 90er senken sich Woodhalls Verkaufszahlen konstant nach unten.

Es gibt noch Unbelehrbare, wie Dave Thomas von QPR. "Mir wird schlecht, wenn ich lese, wie die Offiziellen auf unserer Webseite schreiben. Als ob wir Kleinkinder wären: Halten die uns für Vollidioten, oder was?" Immerhin: Auf seiner eigenen Homepage will Thomas der Vereinsführung endlich wieder den Kampf ansagen. Sie ist seit drei Jahren in Planung.

Autor: Philip Oltermann
Quelle:
SPIEGEL ONLINE, 09.10.2008


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