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Trolsen Communicate

Englische Fußballbücher aus allen Bereichen gibt es ja seit einigen Jahren wie Sand am Meer. Einige davon sind zu Standartwerken in so manchen Fan Haushalten geworden. Die meisten deutschsprachigen Versionen wurden von TROLSEN COMMUNICATE auf den einheimischen Markt geschmissen. Grund genug für mich mal mehr über diesen Verlag zu erfahren:

Im Netz zu erreichen unter www.trolsen-communicate.de

1. Hallo Henning! Zunächst einmal Danke das du für ein Interview bereit stehst! Du bist der Kopf hinter “Trolsen Communicate”. Bitte stell den Lesern einmal kurz deine Person und euer Verlagshaus vor.
Henning Trolsen, 43 Jahre alt, von der Ausbildung her eigentlich Lehrer für Englisch und Erdkunde. Hab aber auch `nen Staplerschein und kann Tankwagen fahren. Seit einigen Jahren selbständiger Verleger, eben mit meinem Verlag, Trolsen communicate! Wie man ahnen kann, ist das kein großes Haus, sondern im Grunde ein Familienunternehmen.

2. Im letzten Jahrzehnt kam es ja in England zu einer regelrechten Flut von fußballrelevanten Büchern. Die bekanntesten bzw. wohl auch lesenswertesten erschienen bei euch. Wie bist du auf die Idee gekommen, diese als deutsche Versionen zu veröffentlichen?
Ich hatte Lust auf die Thematik. Hab die Dinger schon früher im Original gelesen, gedacht, was mich interessiert, interessiert vielleicht auch andere, und so ging`s los.

3. Viele Titel (Hoolifan, You have just met the ICF, Terrace Legends, Men in Black) beschäftigen sich mit dem Hooligan-Phänomen. Inwiefern hast du eine Bindung zum gewaltbereiten Teil der Fankultur? Oder was hat dich speziell an diesen Veröffentlichungen gereizt?
Eine Bindung zu den Gewalttätern hab` ich nicht – wohl aber eine Verbindung. Und die hat jeder, der länger als nur ein paar Jahre zum Fußball fährt: Die Gewalttäter, der "Mob", die "Harten" haben in meinen Augen immer dazugehört, und nach ein paar Jahren kennt man die relevanten Gesichter bei seinem Verein eben, auch wenn man sich nie an Ausschreitungen beteiligt hat und ein friedliebender Mensch ist.

4. Welche Voraussetzungen muss überhaupt ein Buch erfüllen, um für euch in die engere Wahl zu kommen? Und wie läuft in der Regel dann alles ab, bis die Lektüre für jedermann zu haben ist?
Wir sichten ständig den Markt, sowohl den englischen als auch den sonstigen internationalen, kaufen also, was veröffentlicht wird, und lesen. Was gefällt, kommt in die engere Wahl. Die weiteren Schritte erspare ich dem Leser; nur soviel: Was folgt, ist lange, sehr lange und ziemlich brotlose Arbeit.

5. Wie gesagt beschäftigt sich euer Lesestoff fast ausschließlich mit der englischen Szene. Wie kommt diese Vorliebe für den Inselfußball, und wer ist dein englischer Lieblingsverein und warum?
England ist für mich immer noch fußballerisch das Maß aller Dinge und hat mich schon seit früher Jugend fasziniert. Wenn damals in der "Sportschau", meistens am Sonntagabend, ein Spiel aus der "Ersten Division" übertragen wurde, dann starrte ich immer wie gebannt auf den Bildschirm – weniger wegen des Spiels, sondern wegen der Szenen, die sich hinter den Toren abspielten: Liverpool zu Hause, mit dem wogenden Kop und den Gesängen, oder Tottenham im Europapokal, ich glaube, in Belgien, wo man im Minutentakt Leute auf der Trage aus der Tottenham-Seite geholt hat, weil die Yids gewütet hatten, während im Hintergrund "Come On You Spurs" zu hören war – das hat mich beeindruckt. Ist schon lange her, fällt mir gerade ein...

Kleine Auswahl an weiteren Büchern aus dem Hause "Trolsen"

6. Natürlich schlägt dein Herz auch für eine deutsche Mannschaft! Verrate doch mal, welche, und wie du zu ihr und zum Fußball im Allgemeinen gekommen bist, und welche Rolle er in deinem Leben spielt.
Tausend Fragen auf leeren Magen! Früher war ich fanatischer HSVer, aber das mit dem "fanatisch" hat sich ein bisschen gelegt – es wird alles zu kommerziell, nicht nur beim HSV allein. Und es gibt zu viele Mitläufer im Anhang, die ich im alten Volkspark, als wir noch vor durchschnittlich 14.000 Zuschauern im Nieselregen bolzten, nie gesehen habe. Zum Fußball bin ich gekommen wie die meisten anderen auch: Papa hat mich mitgenommen.
Früher war Fußball mein Ein und Alles. Jetzt ist er wichtig.

7. Die voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs dürfte jedem wahren Fan ein Dorn im Auge sein! Was wäre deiner Meinung nach eine gute Möglichkeit, die Auswüchse einzudämmen, und wie verweigerst du dich persönlich gegen diesen Trend?
Die Vereine wissen, dass wir als Fans keine andere Wahl haben als immer wiederzukommen. Das ist ja gerade unser Problem. Deswegen können sie ungestraft die Schrauben anziehen, den Eintritt immer teurer machen und uns immer mehr Stadionshow, Maskottchenhampeleien und Event-Scheiße bieten – denn wir gehen mit, solange wir es uns auch nur irgendwie finanziell leisten können. Wir handeln nicht rational.
Persönlich? Ich fahre zurzeit kaum noch auswärts, sondern mache lieber mein eigenes Ding. Mal nach England, mal hier, mal da eben.

8. Um nochmal auf England zu kommen: Besonders auf der Insel spielt ja auch Mode und Musik eine fußballrelevante Rolle. Wie sieht es bei dir aus? Irgendeinen bestimmten Kleidungsstil, der dir wichtig ist bzw. war, wenn es Richtung Stadion geht? Und wie sieht es auf musikalischer Ebene dazu aus? Oder sind beide Dinge bei dir unabhängig vom Fußball?
Nein, das gehört zusammen. Früher hab` ich natürlich die Fußballklassiker gehört; Cockney Rejects oder The Business und Cock Sparrer und so. Entsprechend marschierte ich ganz früher mit Doc Martens auf. Mittlerweile finde ich den Uniform- und Markenzwang albern. Aber gewisse Vorlieben sind durchaus geblieben: Ein Fred Perry, `ne schlichte Jeans und Adidas an den Füßen, und alles ist gut. Obwohl man dann schon mal für ein Gewalttäter gehalten wird. Aber das muss man in Kauf nehmen.
Musikalisch ist es mittlerweile sehr in die Breite gegangen, von House oder Jazzigem bis Metalcore ist alles dabei. Nur Phil Collins kann ich schwer ertragen.

9. Doch zurück zu Trolsen communicate! Welches der veröffentlichten Bücher hat sich eigentlich am besten verkauft, und aus welchen Medien stammen meist so die Kritiken dazu? Vielleicht schon mal eine größere Zeitung dabei gewesen?
Interessanterweise sind Bücher, die es meiner Ansicht nach verdient hätten, großen Erfolg zu haben, bisher wenig beachtet worden: "Sing When You`re Winning", ein Buch, das der englische Musikjournalist Colin Irwin geschrieben hat und das wir seit einiger Zeit im Programm haben, ist ein total witzig geschriebener Rundumschlag, eine Bestandsaufnahme des derzeitigen britischen Fußballs, die sich wunderbar liest und für jeden Fußballfan interessant ist, egal, ob Hooligan oder Kutte. Trotzdem hat das Buch noch nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die es verdient. Wahrscheinlich liegt es am Titel, und die Leute denken, es ginge nur um die Gesänge. Geht es aber nicht! Die werden nur als Aufhänger genommen. Ist im Grunde eine Groundhopping-Geschichte.
Am besten? Weiß ich gar nicht so auf Anhieb. "Hoolifan" war gut, "The Boys from the Mersey" natürlich auch, und die "ICF"-Geschichte muss man einfach sowieso haben, wegen West Ham und überhaupt. Von den aktuelleren Veröffentlichungen ist "Scally", das Buch von Everton-Andy, sehr gut gestartet.
Kritik kommt meistens von den Fanzines, aber auch von den Lesern direkt, so etwa auf amazon.de. Aber die großen Zeitungen haben sich auch schon geäußert – obwohl man merkt, dass die meistens nur den Text auf der Buchrückseite in anderen Worten wiederholen...

10. In euren Büchern spielt teilweise die Gewalt eine Rolle. Strafrechtlich stellt man in Deutschland sehr schnell Gewalt dar oder verherrlicht sie angeblich sogar. Musstet ihr schon mal den Rotstift ansetzen, um ein Buch rauszubringen?
In diesem Land herrscht Pressefreiheit. "Eine Zensur findet nicht statt". Ich glaube daran, bis man mich eines Besseren belehrt.

Erste "Trolsen" Veröffentlichung über die deutsche Szene

11. Was ist eigentlich dein persönlicher Favorit in eurem Sortiment und wieso?
Immer das Buch, an dem wir gerade arbeiten. Ehrlich. Ohne eine gewisse Sympathie gegenüber dem Quelltext kann man so etwas nicht machen.

12. Hast du eigentlich schon mal einen eurer Autoren persönlich kennen gelernt? Wenn ja, dann erzähl doch mal bitte `ne kleine Geschichte darüber und deine Eindrücke.
Kontakt läuft meistens über die Verlage oder übers Telefon, da bleibt keine Zeit für lustige Geschichtchen am Rande. Leider.

13. Nun habt ihr ja auch ein Buch über die Hamburger Szene am Start. Sind da vielleicht noch mehr Veröffentlichungen in deutscher Hinsicht geplant oder aus dem restlichen Europa? Was würde dich da besonders reizen?
Ich hätte Lust, vermehrt über und von deutschen Fans Geschichten zu machen. Wer sich berufen fühlt, kann mir gern sein Manuskript schicken. Wir sind allem gegenüber offen.

14. Kommen wir gegen Ende noch zu einem kleinen Brainstorming. Was fällt dir spontan zu folgenden Stichworten ein:
a) Kutten
Oftmals zu unreflektiert, was den eigenen Verein angeht. Gehören aber wohl zum deutschen Fußball dazu. Oder?
b) Chemnitzer FC
Mir irgendwie sympathisch, obwohl ich keine näheren Kontakte habe. Spielten mal bei den HSV-Amateuren, als ich da war, und hatten einen lustigen Trupp kerniger Alt-Rocker dabei.
c) Frauenfußball
Nicht mein Ding. Wenn sie Bock drauf haben, wer bin ich dann, den Frauen die Sache zu vermiesen. Bitte. Aber anschauen? Nee. Langweilig.
d) Stadionverbote
Gefährden mich mit 43 Jahren naturgemäß nicht so stark wie die jüngeren Heißsporne. Aber schon höchst unverständlich, wegen welcher Pipifax-Tatbestände man heute solche Dinger kassieren kann.
e) Hopping
In Maßen kann ich`s nachvollziehen. Ist vielleicht lustiger, als tagaus, tagein das Gekicke der eigenen Truppe ansehen zu müssen. Irgendwie aber auch `ne deutsche Erfindung, dieses mathematisch-exakte Abhaken von "gemachten" Grounds. Als würd`s am Ende `nen Orden dafür geben...

15. So, dann sage ich vielen Dank für deine Zeit und dieses Interview. Viel Glück weiterhin mit dem Verlag. Wenn du noch was loswerden willst ist hier nun der richtige Ort:
Danke Dir. Tja: Alles Gute allen, die den Fußball als Sport des einfachen Mannes sehen und dieses Verständnis in den Stadien hochhalten. Oder klang das jetzt zu dramatisch?


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