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Österreich : Deutschland (1:2) am 03.06.2011

EM Qualifikationsspiel in Wien

Warum fährt man eigentlich zu Länderspielen? Als aktiver Fußballfan kann es kaum die übertrieben Liebe zum DFB sein. Bei metrosexuellen Darstellern wie Löw, Gomez oder Schweinsteiger kann es kaum die gnadenlose Identifikation mit der Mannschaft sein. Von dem ganzen Theater um unseren Micha Ballack wollen wir mal gar nicht erst reden. Noch dazu zieht man Auswärtsspiele den Auftritten in der Heimat vor. Ganz einfach um DEM aus dem Weg zu gehen, was sich heutzutage so alles Fan nennt, oder nennen darf!
Was ist es dann? Mit meiner Einleitung im Hinterkopf, dürfte für den allwissenden Schubladendenker die Sache klar sein: die pure Auslebung chauvinistischen Überlegenheitsdenkens und die Aussicht auf jede Menge Alkohol, Blut, Gewalt und ermordete Kleinkinder! Bei aller sarkastischen Übertreibung, zunächst einmal muss ich mich bei niemand für irgendwas rechtfertigen! Doch nachdem ich hier so in die Posaune gehauen habe, wird der geneigte Leser vielleicht doch den ein oder anderen Grund erfahren wollen.

Auch wenn ich nur für mich sprechen bzw. schreiben kann, soll mal der Versuch unternommen werden gewisse Beweggründe von Deutschlandfahrern aufzukritzeln. Zunächst ist es sicher eine gewisse Reiselust, ebenso wie der Trieb nach Abenteuern und skurrilen, unkonventionelle Erlebnissen. Ähnlich wie bei Touren mit dem eigenem Verein. Diesmal halt nur fernab der Heimat. Und das alles verbunden mit unserer Sache: Fußball!
Dann kommt noch ein gehöriger Schuss Patriotismus dazu! Dabei dürfen sich ideologische Taktierer genauso wenig angesprochen fühlen, wie Zeigefingermoralisten von wegen geschichtlicher Unbelehrbarkeit! Patriotismus ist keine am grünen Tisch entwickelte Sache. Kein hochanalystischer Fall, sondern vor allem eine Angelegenheit des Herzens. Man kann sie nur in seinem Inneren spüren – oder eben nicht. Die Tore fallen als Erstes für Deutschland und erst dann für die Aufbesserung der Statistik einzelner Spieler! Punkt!
Und zum Schluss vielleicht noch eine gewisse Repräsentation, gegenüber ausländischen Fanszenen, von dem was man unter Fußballanhänger versteht. Nicht das angestrebte Ideal des DFB oder die Verkleidungskünstler der Eventfraktion. Das sehen gewiss viele wieder ganz anders, doch als Holländer z.b. würde ich mich für den Zirkushaufen im Anhang der N11 mehr als schämen!
Tja, und all das mit Gleichgesinnten aus dem ganzen Land „durchzuziehen“ hat eben etwas…“Alles Blödsinn!“ sagst du? Dann vollziehe bitte den Geschlechtsakt in eines deiner beiden Verbindungsgelenke zwischen Ober- und Unterschenkel und geh Bleistifte spitzen!

Im Übrigen bin ich mir über den Spagat bewusst, auf den DFB in der Kartenfrage wiederum angewiesen zu sein. Hierbei spielte sich im Vorfeld von Österreich auch ein Schauspiel sondergleichen ab. Bereits zugesagte, und bezahlte Karten wurden kurz vor der Angst mit der Begründung einbehalten, es müsse eine gemeinsame Anreise unter Betreuung des Fanprojektes stattfinden. Das fiel den Herren aus Frankfurt natürlich erst zwei Wochen vorher ein, wo schon viele eine separate Tour (Urlaub nehmen, Hotel buchen, Auto mieten) selbst organisiert hatten. Was wäre denn wenn in so einem Falle viele trotzdem fahren? Haufen frustrierte ohne Karte in Wien? Natürlich voll die besser Variante! Kurz vor der Stornierung des ganzen Ausflugs dann die Nachricht: die Karten gibt es jetzt doch…an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten.

Jedenfalls schlugen wir in der österreichischen Hauptstadt, nach recht entspannter Fahrt, gegen 17Uhr auf. Unsere Unterkunft erwies sich durchaus als kleines Leckerli. Top Sauber, komplett eingerichtete Küche, ruhige Lage, Fernseher und sogar ein Whirlpool. Letzteres zur völligen Begeisterung unseres Jüngsten, der glaube in den zwei Tagen mehr Zeit in der Sprudelwanne verbrachte, als in seinem Bett!

Nach Dusche und Rasur, gaben wir uns noch einen kleinen Filmklassiker.
"Ich hab Sie hier noch nie gesehen, Mister..." - "Öh, Buzzn...Buzzn Frog...geboren an den Ufern des...äh...Stinklarvenflusses in Rapalla, ja. Ein paar echt irre Typen brachten mich nach Slimy Slug...äh...Süd-Dakota, Sie kennen sich da aus oben bei Timbadoodle? ...Die Sepko-Brüder? ...Smithwick und...äh...Salty Dog...Shrimp? Ah, ich kann heute Nachmittag nicht fischen gehn, ich hab ne wichtige Konferenz drüben in äh, äh, Men’s Room. Ach, ich würde meine Genitalien vergessen, wenn sie nicht zwischen den Beinen angeklebt wären. Wasserskiunfall."

Wir hatten somit unseren Running Gag für das gesamte Wochenende. In diesem Sinne…RIP Leslie Nielsen!

Im großen Biergarten des Schweizerhaus am Prater, tranken bereits seit einer ganzen Weile die ebenfalls schon anwesenden anderen Chemnitzer. Da gesellten wir uns doch glatt dazu! In gemütlicher, lustiger Runde schmeckt es eben doch am Besten. Äußerst schräg dagegen das Herren WC. Dort pisste man mit einem Spiegel in Gesichtshöhe. Ich wollte in den nächsten Tagen viel sehen, aber irgendwie nicht meine Fresse beim sääächen. Andere Länder, andere Sitten. Oder eben Unsitten! Genau wie den Laden schon 23Uhr zu zusperren!



Nachdem sich zwei der Reisegruppe noch für 10€ in 70m Höhe durch die Luft wirbeln ließen, ging es zum Schwedenplatz. Hier tummelte sich ein Poutpourrie des Problempotentials Made in Germany. Endlich normale Leute! In einer Kneipe, und später einer Kellerdisko schmiss ich mir mit der Ein-Mann-Abteilung aus Frankenberg die Runden im Abwechslungstakt um die Ohren. Unter unzähligen „Mexiko“ Chorgesängen stieg der Pegel, während die Finanzen proportional dazu eher die Kurve nach unten wanderten. Um genau…keine Ahnung wann, orderte man sich nen Taxi und ab Richtung Matratze!

Was macht man eigentlich wenn man beim morgendlichen Kaffee kochen aus Versehen Wasser in die Elektrik kippt? Macht man die Maschine selber aus? Nein, man bittet einen Kumpel den Kippschalter nach unten zu drücken. In diesem Falle wurde mir unwissend diese zweifelhafte Verantwortung übertragen. Und Zack schoss eine saftige Dosis Wiener Stroms durch die alkoholgepeitschten Gliedmaßen. Und dabei trink ich noch nicht mal Kaffee!

Nach Verpflegung im gegenüberliegenden Supermarkt verzögerte sich unser Aufbruch um eine kleine Ewigkeit, da das Kind sich wieder Blubberblasen in die Arsch ballern musste. Daheim keine Wanne, oder was? Ich brauchte jedenfalls erstmal Kohle. Das erspähte Geldinstitut lag oberhalb der „Klapsmühle“.


Das ist doch mal ein Kneipenname! Der Wirt hatte eigentlich geschlossen und war grad dabei seiner ganze Einrichtung rauszureißen. Die dicken Schweißperlen auf seiner Stirn und die abrupte Einstellung der Renovierungsarbeiten, nur um uns zu bedienen, zeugten von eher eingeschränkter Arbeitsmoral. Er tat von nun an keinen Handgriff mehr und wir dankten es mit einer Bestellung nach der anderen. Während wir zu viert in dieser kleinen Gasse saßen, ging es im Stadtzentrum doch recht heftig mit der lokalen Staatsmacht zu Faden. Immerhin 213 Festnahmen auf deutscher Seite. Zum Glück hielten wir uns vom Krawalltourismus fern. Wir hatten schließlich Karten und mussten jene ja auch noch abholen. Also auf zum Stadion! Dort trafen dann, Gruppe für Gruppe, die restlichen über Wien verstreuten Freunde aus Karl Marx Stadt ein. Wir blieben auch gleich an der Ernst Happel Kampfbahn und sorgten für schwarze Zahlen am Imbiss unweit des Gästeeingangs.



Ich glaube eine Stunde vor Anpfiff huschten wir flugs rein, und fanden uns in einem gut gefüllten deutschen Sektor wieder. Stimmung konnte man ebenso abnicken, was wohl kaum vom Spiel behauptet werden konnte. Zwar fehlten Mertesacker, Schweinsteiger sowie Klose…aber trotzdem! Gegen Österreich! Die spielten leidenschaftlicher, beherzter! Auch getragen vom Heimpublikum, was aber bis auf das blöde „Immer wieder, Immer wieder… Immer wieder Österreich“ nicht viel auf die Gesangsreihe bekam. Die OFB Elf hatte kurz nach der Pause die deutsche Führung ausgeglichen und spielte wie gesagt den besseren Fußball.
„Wenn wir nur unentschieden spielen…“ bekam der ältere Ordner vor uns zu hören, „…dann schmeißen wir dich die Brüstung runter“. Und nach 90 Minuten sah es fast schon nach einem Freiflug für den Opa aus. Doch nach einer Ecke flankte Philipp Lahm noch mal butterweich in den Strafraum und der heranrauschende Gomez köpft zum schmeichelhaften 2:1! Last Minute Tore natürlich immer die geilsten Jubler…so auch hier. Und ausgerechnet Gomez, der der beim EM Vorrundenspiel 08 an selber Stelle, gegen denselben Gegner diese Riesenchance damals vergab!

Draußen verschwammen dann die Fronten, aber alles ruhig. Außer einem kleinen Mini Aufreger an der nahen U-Bahn Stadion. Dort erdreistete ich mir doch tatsächlich ein 60cm hohes Absperrgitter zu übersteigen. Die beiden Exekutivvertreter (eine Graukappe und ein äußerst unappetitliches weibliches Exemplar) taten allerdings so, als würde sich von dieser lächerlichen Stahlkonstruktion aus das gesamte Polizeikonzept des Tages aufbauen. Daheim nichts zu melden, im Job zu nix gebracht, aber den Notstand ausrufen wenn jemand über ein Geländer klettert. Bullen sind doch überall gleich!



Nervt es eigentlich das ich ständig vom Verzehr alkoholischer Getränke schreibe? Aber genau das taten wir jetzt! Wenigstens eine Konstante im Leben…haha! Dass aber nur die Könige bis zum Schluss durchhalten, merkten Schröder und ich wieder Mal als Einzigverbliebene. In der letzten Bar, wo ich soeben für einen dreifachen GinTonic 11,80€ bezahlt hatte, wurde ich auch noch von einem Frankfurter Hool abgewatscht. Er hielt es unbedingt für notwendig mich, aufgrund meiner Ossi Herkunft, als Deutschen zweiter Klasse zu bezeichnen. Ich schimpfte, er griff behutsam in meine Geschichtszüge und Ende…Er war viermal so fit wie ich und ungefähr zwanzig Mal so nüchtern.

Mein Geldetui wies wiederholt eine besorgniserregende Leere auf. Was allerdings meinen Waffenbruder nicht anders ging. Also erneut zu einer Bank, um wenigstens das Taxi in die Pension zu entlohnen. Mann hat’s ja!

Um Vier ins Nest, um Acht zur Abreise geblasen! Bis auf den Fahrer sahen wir natürlich aus wie frisch in die Entzugsklinik eingeliefert, oder wie eine durchschnittliche russische Dorfspelunke um die Mittagszeit.

Wenn das kein rundum gelungener Ausklang der Saison gewesen war. Schon für den Weg zurück ins gelobte Sachsen, hätten wir den Lapp Nobelpreis verdient gehabt. Buzzn Frog!


Schweden : Deutschland (0:0) am 17.11.2010