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Russland : Deutschland (0:1) am 10.10.2009

WM Qualifikationsspiel am 10.10.2009 in Moskau

Interesse meldeten viele aus dem Freundeskreis an….doch als es darum ging Nägel mit Köpfen zu machen, verblieben nur noch zwei junge Herrschaften, um den Weg nach Osten anzutreten. Ursprünglich war ja eine lustige Zugfahrt geplant, doch da ergibt sich der Spaßfaktor erst in einer etwas größeren Truppe. Somit fiel unsere Transportwahl auf den Luftverkehr. Wohl auch die entspanntere Variante!
Nachdem der deutsche Zoll unbedingt noch meine Eintrittskarte sehen wollte, düsten wir Freitag früh in die Hauptstadt des ehemaligen großen Bruders. Dort angekommen merkten wir ziemlich schnell das man mit Englisch nicht unbedingt weiterkommt und das Faktum, das alles in kyrillischer Schrift ausgeschildert ist die Sache auch nicht grad verbesserte. Dank Touristenatlas und sächsischem Orientierungsgespür fanden wir unseren Weg, per Bahn und Metro, in die Nähe des gebuchten Hostels dann doch noch im erträglichen Rahmen. Die eigentümliche Beschriftung der Moskauer Straßen kostete uns allerdings noch eine Stunde….müde, Nieselregen, fremdes Land, keine Sau versteht einen…klasse! Nach tausenden Flüchen standen wir aber endlich vor unserer Unterkunft. Von außen „pfui“, von innen „na ja“….drauf geschissen! Es war billig, die sanitären Anlagen waren genügend und mehr als gepennt haben wir dort drinnen eh nicht.
Nach ein paar Stunden Schlaf machten wir uns gegen 14Uhr Ortszeit auf Richtung Kreml. Wieder mit der Metro. Wenn man sich erstmal in dieses U-Bahn System reingefuchst hat, eine herrlich unkomplizierte und fast schon Idiotensichere Geschichte.
Nun folgte wildes Sightseeing: Historisches Museum, Roter Platz, Kaufhaus GUM, Lenin Mausoleum (leider geschlossen), Basilius Kathedrale….an der Kremlmauer entlang umrundeten wir dann das ganze Areal. Begleitet wurden wir dabei von einem Hund, der uns nicht mehr von der Seite wich. Er zeigte uns wie er rennen, Stöckchen holen und selbiges verbuddeln kann. Als wir unsere Kameras zückten, posierte er wie ein Profi mit Blick zu uns…1A Wau, Wau! Haha!
In einer Pizzeria war dann Hungerbekämpfung und Biererprobung angesagt. Essen ging und das angebotene Pilsner konnte man auch trinken. Nun hatte ich langsam Blut geleckt und Köper und Geist schrieen nach mehr! Nun griff allerdings der Umstand das Begleiter T. nicht so der Lebemann von Welt ist. Richtig getrunken wird nur zwei, drei mal im Jahr und eines seiner liebsten Hobbys ist der Zustand der äußeren Ruhe…sprich: schlafen! Um keinen seiner cholerischen Anfälle zu provozieren, ließ ich sämtliche Diskussionen sein und wir einigten uns auf eine Kneipe in Herbergsnähe. Dies erwies sich allerdings schwieriger als gedacht. Da heißt es nun immer die Russen saufen wie die Löcher…aber anscheinend nur daheim….denn eine Trinkanstalt suchten wir vergebens. Schließlich landeten wir in einem auf japanisch gemachten Schicki Micki Restaurant. Definitiv kein Fußball Fan Ambiente, aber wenigstens anständiges Bier! Es wurden dann auch nur 2 Töpfe….dann gings in die Kissen. Zwar relativ zeitig, doch in Hinblick auf den nächsten Tag und den Geldbeutel wohl gar nicht mal so schlecht.

Sonnabend Vormittag wollten wir uns dann doch noch mal den konservierten Arbeiterführer anschauen. Allerdings war die Schlange zum Mausoleum enorm lang und nachdem wir in 15 Minuten keinen Meter vorwärts gekommen waren, ließen wir Lenin mal schön Lenin sein und machten lieber einen Rundgang innerhalb des Kreml. Dort gibt’s für nicht mal 8€ auch jede Menge zu bestaunen, inklusive ner 200 Tonnen schweren Glocke, sehenswerte Türme, Paläste, Kirchen oder die Parade des Kreml Regiments in alten Uniformen. Anschließend suchten wir uns was zum trinken. Wir landeten schließlich in einem Pub der englischer kaum sein konnte. Schade das wir die Bude nicht schon Freitag ausfindig gemacht hatten. Vor allem weil hier auch schon paar Deutsche fleißig am süffeln waren. Und während wir Paul McCartney’s Konzert auf dem Roten Platz auf DVD sahen / hörten tranken wir die ersten Halben…noch nichts ahnend das es für lange Zeit die Letzten waren. Ich hätte mir gern noch bissl was einverleibt. Doch Begleiter T. wollte sich unbedingt das Spiel der beiden Traditionsmannschaften um 16 Uhr reinziehen. Wieder ging ich auf Deeskalationskurs und folgte brav…haha! Aber schließlich galten die teuren Eintrittskarten ja auch schon für die Begegnung der Veteranen.
Ausgestiegen sind wir jedenfalls eine Metro Stadion zu früh und waren unter tausenden von Russen mitten im Feindesland. Sportliche Typen, blöde Blicke…oha! Allerdings war auch alles voll Polizei und sogar Armee…die schauten aber auch alles andere als freundlich als wir an zwei Vorkontrollen unsere Eintrittskarten vorzeigen mussten. Genau wie der OMON (russische Spezialeinheit) Beamte am Stadion, der uns autoritär und bestimmt durch den Einlass schob. Da fühlt man sich doch gleich willkommen!



In unseren Block durften wir gegen halb 4….und genau wie davor, so herrschte auch im Luschniki Stadion strengstes Alkoholverbot. Super! Und schon zu dieser frühen Stunde wurden die Gästeränge zu zwei Seiten von einer Doppelreihe der Staatsmacht abgeschirmt.
Der erste Kick des Tages war wie gesagt das Aufeinadertreffen ehemaliger Nationalspieler beider Nationen. Das Ganze fand zu Ehren der 1990 verstorbenen russischen Torwartlegende Lew Jaschin statt, der am 22. Oktober 80 Jahre alt geworden wäre. Seine Ehefrau führte dann auch den Anstoß durch. Auf deutscher Seite spielten Leute wie Bobic, Eilts, Matthäus, der jedoch schon nach ner viertel Stunde wegen Zerrung raus musste. Den einzigen den ich von Russland kannte, war der frühere Bremer Wladimir Bestschastnich….welcher auch das 1:0 erzielte. Den 1:1 Ausgleich gabs in der 40. Minute durch Stefan Beinlich. Gleichzeitig der Endstand.
Ich genehmigte mir darauf ein Sandwich und einen heißen Tee….TEE! Ich musste beim Fußball Tee trinken. Auch eine Premiere.
Der Hexenkessel füllte sich nun langsam. Auch die unsrigen Reihen. Am Ende dürften es dann doch um die 3000 deutsche Fans gewesen sein. Deren Zusammensetzung sehr gemischt. Von besser verdienenden Touristen, über Familien mit Kindern, bunt geschmückten Kutten bis hin zu ordentlichem Fußballleuten. Eindeutige Kategorie C war selten bis gar nicht auszumachen. Fahnentechnisch war der Osten mit Rostock, Chemie Leipzig und Halle vertreten. Das Prädikat „Vollidioten“ bekommen auf alle Fälle die Spinner die mit Russland Schals und Fahnen bei uns mit rum saßen! Geht’s noch?
Bereits beim ersten Erscheinen der russischen Elf zum Aufwärmen, ein kleiner Vorgeschmack in Hinsicht auf die Lautstärke. Gänzehautatmosphäre! Aber auch wir begrüßten unser Team ganz ordentlich. Wurden aber, wie im ganzen Spiel, von den über 70.000 Russen niedergebrüllt.
„Einigkeit und Recht und Freiheit…“ wurde allerdings gebührend vom Mob vorgetragen wie ich finde. „Etwas“ lauter natürlich die Gegenseite. Die Ivans zogen nun in den Kurven hinter den Toren und auf der Gegengerade riesige Block Choreos hoch. Top! Bei uns nur das große Nationaltrikot….und das auch noch falsch rum! Peinlich!
Das Spiel begann und Russland, mit dieser unglaublichen Kulisse hinter sich, natürlich erstmal am Drücker. War schon ne Wucht als das ganze Stadion losbrüllte. Ohrenbetäubend….Wechselgesänge. Man muß es einfach gehört haben!
Nach einem russischen Freistoß übers Tor, nach knapp 10 Minuten, dann die erste Chance durch Podolski. Und die ersten Gefühle unter dem Motto „Das wird hier was“. Schrecksekunde unmittelbar danach, als Bistrov alleine auf Adler zu rennt, versucht zu tunneln, aber am deutschen Keeper scheitert. Dann die 34. Minute. Haben ja eh alle gesehen. Feine Kombination durch Poldolski, Özil legt zurück und Klose im Fallen zum 0:1. Geiles Ausrasten bei uns….mir zog es sogar die Füße weg und ich lag mal kurze Zeit. War gut! Deutschland dann vor der Pause auch das bessere Team. Habzeit!
Dazu eine Anekdote zum Thema Kommerz: Im Anstoßkreis tanzten russische Cheerleader mit Fahnen. Jene hatten zu einer Seite die Nationalfarben weiß – blau – rot, auf der anderen das VW Logo…also erstmal schön die eigene Flagge verkauft. Zum Ende der Vorstellung fielen die Mädels dann zu einem riesigen VW Logo zusammen….nun folgte ein Autokorso mit Fahrzeugen welcher Marke?...... Ohne Worte!
Auf in Runde Zwei! Die Herren von Guus Hiddink wollten den Ausgleich. Chance um Chance, vorgepeitscht durch ihr Publikum. Doch wir hatten Rene Adler im Kasten, der Knaller von Arshavin und wiederholt Bistrov weltklasse entschärfte! Die deutsche Entlastung hielt sich in Grenzen…ich kann mich nur an den Lattenknaller von Özil und einen Ballack Kopfball kurz vor Schluß entsinnen. Richtig Sorgen kamen dann auf, als Boateng zwanzig Minuten vorm Ende mit Ampelkarte rausflog….war eh nen scheiß Debüt von ihm! Doch es wurde dem Ansturm des Gegners standgehalten…und in der 88. Minuten dann noch das Glück des Tüchtigen. Arne Friedrich foult Vladimir Bistrov…und zwar im Strafraum. Der Pfiff blieb aus und Deutschland gewinnt in Unterzahl auswärts bei den starken Russen und qualifiziert sich damit ein Spiel vor Ende der Quali vorzeitig für die WM 2010 in Südafrika.
Die Mannschaft kam zum Jubeln (siehe Video...sorry für die schlechte Qualität, aber mehr bringt meine alte Kamera nicht) und auch Bundes Jogi ließ sich noch mal vorm deutschen Block sehen. Zeit zum Feiern war genug, da erst nach einer Stunde die Tore für die Gäste geöffnete wurden. Derweil unterhielt man uns tatsächlich mit russischen Trickfilmen über die Stadionleinwand. Ein Rotz!



Als wir dann zur Metro liefen (diesmal die richtige Stadion) waren die Heimfans schon so gut wie verschwunden. Die wenigen die wir noch trafen waren normale Schalträger. Wir unterließen es die 3 Haltestellen zum Hostel trotzdem uns auf Deutsch zu unterhalten und kamen völlig ohne Stress am Schlafplatz an. Groß Party war eh ne drin, da wir 4.30Uhr schon wieder aufstehen mussten, um das Taxi zum Flughafen zu erwischen.
Dort trafen wir noch eine kleine Abteilung ostdeutscher Erlebnisorientierter. Ein Bekannter aus dem Haufen erzählte uns in Kurzfom schnell ihren Sonnabend. Nicht im Stadion schauten die Jungs das Spiel in einer Kneipe in Kreml Nähe. Vertreter sämtlicher Moskauer Vereine sprachen vor und machten eindeutige Angebote. Nen zusammenhängenden Mob gabs wohl nicht. Da bei den Russen offenbar die Rivalitäten auch bei Länderspielen bestehen bleiben. Zwar waren die Ordnungshüter nur in geringer Zahl präsent….doch scheinbar haben die Einheimischen ziemlichen Respekt vor ihren Cops. Jedenfalls wurde die Kneipe nicht ins Fadenkreuz genommen und es blieb auch sonst jeglicher Kontakt aus. Vor ein paar Jahren wäre die Anzahl der deutschen "Sportler" sicher noch höher gewesen.....somit Respekt vor den Wenigen die Präsenz gezeigt haben, besonders angesichts der Masse ihres Gegenüber.

Unmittelbar nach der Landung in der Heimat, fuhren wir zum Sachsenpokalspiel unseres Chemnitzer FC nach Eilenburg, was auch standesgemäß 3:0 gewonnen wurde. Geiler Kontrast: 75.000 Zuschauer Sonnabend in Moskau…600 Zuschauer am Sonntag in der nordsächsischen Provinz. Aber Nationalmannschaft und Verein an einem Wochenende hat man auch nicht alle Tage. Dazu noch zwei Mal gewonnen….optimale Fußballreise!

Fazit: recht unkomplizierte Reise, tolle Sehenswürdigkeiten, gutes Spiel mit allem drum und dran! Und die Erkenntnis das du aufs ganze Gesülze der Medien scheißen kannst! Das Gelapp um den Kunstrasen hat gar keine Rolle gespielt! Die Horrorszenarien von russischen Hooligans, die Jagd auf deutsche Fans machen….wir haben davon nix gesehen. Und wenn man in Moskau nicht in Edel Restaurants rennt, merkt man auch nix von der angeblich teuersten Stadt der Welt. Die eigentlichen Kosten anstanden im Vorfeld (Reisepass, Visum, Hostel, Eintrittskarte). Somit schon das teuerste Wochenende unseres Lebens. Aber andere legen sich dafür ne Woche irgendwo in die Sonne…wir flogen halt zu nem Deutschlandspiel auswärts. Wir sind halt nicht wie andere….zum Glück! Schon der Erinnerungen wegen war die Reise das Geld wert! Ende!

Gruß an: Begleiter T. für seine Geduld und die Fahrt zum Pokalspiel nach Eilenburg am Sonntag, Thomas für logistische Unterstützung und Person S. für die Berichterstattung der Reisegruppe „Buchstabe 3“




Ungarn : Deutschland (0:3) am 29.05.2010
Deutschland : England (1:2) am 19.11.2008